Nazca-Linien

Auf unserer Route entlang der Küstenwüste Perus kreuzten wir die früheren Reiche von mindestens vier Kulturen. Drei davon fand ich besonders faszinierend. Die Inka mit ihrer Hauptstadt Macchu Pichu kennt schließlich jeder, doch wer hat schon von den Chimu oder den Moche gehört? Doch zuerst:

Nazca: Geheimnisvolle Bilder in der Wüste

Besonders interessiert hat mich die Nazca-Region. Das gleichnamige Volk erschuf hier zwischen 200 v. Chr. und 800 n. Chr. hinweg gigantische Bilder und hunderte Kilometer schnurgerader Linien in der Wüste an der Küste des Landes. Die Dresdnerin Maria Reiche lebte Jahrzehnte lang mitten in der Wüste, um diese Linien zu erforschen und zu schützen. Sie sorgte maßgeblich dafür, dass die Linien 1994 zum Weltkulturerbe erklärt wurden und ist eine der am höchsten geehrten Personen Perus. An der Uni hatte ich eine Hausarbeit über die 1998 verstorbene Forscherin geschrieben. Nun konnte ich die Linien endlich selbst sehen.

Maria Reiche ist in Nazca allgegenwärtig...selbst als Streetart.

Maria Reiche ist in Nazca allgegenwärtig…selbst als Streetart.

Die Stadt Nazca liegt etwa 450 Kilometer südlich von Lima und lebt praktisch nuir von den berühmten Wüsten-Linien. In der Stadt starten geführte Touren und sehr viele Rundflüge, denn die riesigen Wüstenbilder sind nur aus dem Flugzeug gut zu erfassen. Wegen meiner Flugangst und offenbar ziemlich mieser Sicherheitsstandards haben wir uns das aber gespart.
Es gibt zwei Aussichtsplattformen in der Wüste, um die Bilder zu sehen. Überall im Ort werden Touren dorthin angeboten, die auch einen Besuch im Haus von Maria Reiche mitten in der Wüste beinhalten. Wir wurden früh morgens abgeholt und machten uns direkt auf den Weg zur ersten Aussichtsplattform. Hier liegt die berühmte Figur eines Kolibris. Weitere Bilder zeigen Menschen, Affen, Vögel und Wale. Insgesamt gibt es über 50 Figuren und über 1.000 Linien von bis zu 20 Kilometer Länge.

Nazca Linie Kolibri

Der berühmte Kolibri bei Nazca hat eine Flügelspannweite von 66 Metern

Der Grund für die Linien? Keiner kennt ihn. Einige Forscher gehen davon aus, dass es sich um einen antiken Kalender handelt. Andere vermuten astronomische und religiöse Bedeutungen. Kurioser ist der Erklärungsversuch des Archäologen Jim Woodman. Der behauptet, es handele sich um ein Netz von Feuergruben, um antike Heißluftballons der Inka zu befeuern. Weitere Theorien sehen die Linien als gigantische Sportarena, Bewässerungsnetz oder Startplätze zum Drachensteigen. Eine der aktuell meist akzeptierten Hypothesen erklärt die Linien als Gestaltungen von Fruchtbarkeitsritualen.

Moche-Kultur: Fortschrittlich, aber voll brutal

Am nördlichen Küstenabschnitt Perus, der ebenfalls extrem trocken ist, entwickelte sich fast zeitgleich die Kultur der Moche (sprich Mot-sche). Zwischen dem 1. und 8. Jahrhundert erschuf man hier ein fortschrittliches Bewässerungssystem und baute die beiden höchsten Gebäude des alten Südamerika, die Tempel der Sonne und des Mondes. Wir besuchten beide. Anlaufpunkt für Moche-Fans ist die lebhafte Stadt Trujillo, rund 700 Kilometer nördlich von Lima. Trujillo hat ein wunderbares Klima und gilt als Kulturhauptstadt Perus.

Eine Tagestour führt zum Huaca del Sol, dem “Tempel der Sonne”. Die Pyramide ist mit ursprünglich 340 x 220 Metern Seitenlänge und 41 Metern Höhe das größte massive Gebäude auf dem amerikanischen Kontinent. Insgesamt wurden etwa 140 Millionen Lehmziegel verbaut. Auf einem Rundgang lernten wir, dass generationenweise immer wieder neue Stockwerke gebaut wurden. Dafür wurden die darunter liegenden Etagen komplett zugemauert und als Fundament genutzt.

Sonnentempel der Moche

Der Sonnentempel der Moche hat in jeder Generation eine Etage dazugewonnen.

Direkt gegenüber liegt der Huaca de la Luna (Tempel des Mondes). Diese Pyramide ist etwas kleiner und darf von Touristen derzeit leider nicht betreten werden. Sie enthält viele farbige Wandmalereien und Friese, die wir gern gesehen hätten. Die 500 Meter breite Fläche zwischen beiden Tempeln war früher eine Art Stadt, von der jedoch nicht viel übrig ist. Wie so vieles in Südamerika wurden beide Tempel zum Großteil von den Spaniern zerstört, die hier nach Gold suchten.

Doch trotz allen Fortschritts waren auch die Moche-Leute ziemlich brutale Typen. Um die Götter zufrieden zu stellen, brachten Priester regelmäßig menschliche Blutopfer. Dafür wurden laut unserem Guide Kampf-Turniere unter Freiwilligen ausgefochten. Wer verlor, wurde geopfert.
Im 8. Jahrhundert fand die Moche-Kultur ein jähes Ende. Forscher gehen davon aus, dass mehrere katastrophale El-Niño-Jahre in kurzem Abstand zum Zusammenbruch führten. Doch dieser hatte auch sein Gutes, brachte er doch letztendlich eine neue Kultur hervor.

Chimu: Guter Lauf, tragisches Ende

Etwa 1250 nach Chr. begann sich in derselben Gegend die Chimu-Kultur zu erheben. Das Reich existierte etwa bis 1470 und reichte im Süden bis Lima und im Norden an die Grenze Ecuadors. Die Hauptstadt Chan Chan war damals die größte Stadt Südamerikas und beherbergte rund 60.000 Menschen. Heute kann man sie ebenfalls von Trujillo aus besuchen.

In den Mauern der Chimu-Hauptstadt Chan Chan

In den Mauern der Chimu-Hauptstadt Chan Chan

Die antike Stadt liegt nicht weit entfernt und ist noch immer beeindruckend. Trotz des wenigen Regens sind die Lehmziegel jedoch über die Jahrhunderte immer weiter zusammengeschmolzen, so dass die einst beeindruckenden Mauern nun an vielen Stellen sehr niedrig sind. Insgesamt ist die Stadt 28 Quadratkilometer groß. Chan Chan zählt seit 1983 zum Weltkulturerbe, gilt jedoch als gefährdet, da der Klimawandel immer mehr Regen bringt, der den Lehmziegeln zusetzt. 1998 wurden die Mauern mit einer Glasur überzogen, die vor der Erosion schützen soll.

Die Chimu stellten Keramik- und Goldgegenstände in Serie her und entwickelten die Wasserversorgung erheblich weiter. Auch Kleidung wurde dank der vielen Alpakas und Vicunyas immer besser und schicker. Etwa 1470 eroberten jedoch die Inka das Chimu-Reich und waren damit die uneingeschränkten Herrscher großer Teile Südamerikas. Die Freude währte jedoch nur kurz, denn wenige Jahrzehnte später landeten die Spanier. Sie kämpften die Inka mit ihren fortschrittlicher Waffen nieder und schmolzen unter anderem viele wertvolle Schmiedearbeiten der Chimu ein.

Mit den Spaniern setzte dieselbe Vernichtung von Urvölkern ein, die auch Nordamerika ereilte. Doch bis heute ist die Bevölkerung Perus noch fast zur Hälfte indianischer Abstammung.