Wer an die kanadischen Rocky Mountains denkt, der hat meist schon ein Bild im Kopf: Schroffe Berge, tiefblaue Seen, riesige Nadelwälder. Und die Postkarten-Eindrücke sind tatsächlich ein einziges Abbild der Realität. Unser Roadtrip durch die Provinzen British Columbia und Alberta dauerte zwei Wochen von Ende September bis Anfang Oktober. Eine ideale Reisezeit, denn die Touri-Saison geht zu Ende, aber es ist noch nicht zu kalt.

Roadtrip durch Kanada – Vom Meer in den Himmel

Ich hatte 2006 ein halbes Jahr in Vancouver studiert und war absolut happy, meine erste große Städte-Liebe wieder zu sehen. Nach zwei Tagen bei meinem alten Kumpel Ashley* gings los. Gestärkt mit einem Frühstück an der Simon Fraser University, meiner früheren Uni, gondelten wir entspannt nach Norden. Bei bestem Herbstwetter führte uns der Sea-to-sky-Highway 46 Kilometer an der Küste entlang – zwischen zerklüfteten Bergen und tiefblauem Meer. Ich sitze gern am Steuer, aber bei diesem Anblick hat das Beifahrerdasein schon enorme Vorteile. Nach einem Picknick am See auf halber Strecke erreichten wir unser erstes Tagesziel: Squamish. Der kleine Ort liegt an einer Flußmündung am Meer und ist mit seinem Bergpanorama so richtig idyllisch.

Tag 1: Vancouver – Squamisch: 50 Kilometer

Roadtrip durch Kanada – Olympia-Skigebiet im Herbst

Von Squamisch führte unsere Route weiter nach Norden. Nach etwa 60 Kilometern erreichten wir Whistler. Hier findet sich eines der berühmtesten und besten Skigebiete Kanadas. 2010 fanden hier die Abfahrten der Olympischen Winterspiele statt. Im Winter kommen Touristen und Einheimische in Rudeln aus Vancouver, um die Pisten dieses hübschen Ortes runterzujodeln. Wir hatten 20 Grad und Sonnenschein. Und da man in der Gegend auch prima wandern kann, marschierten wir zu einem See namens Loggers Lake. Der Waldweg verleitete mich sehr zum Mountainbiken, aber gerade in dieser Region ist man zu Fuß doch um einige Dutzend Dollar günstiger unterwegs als mit einem geliehenen Rad.

Die Nacht verbrachten wir nach straffer Fahrt gen Nordosten in Cache Creek. Der “Ort” liegt etwa 215 Kilometer hinter Whistler und besteht praktisch nur aus einer Kreuzung. An dieser findet sich allerdings auch ein günstiges Motel. Motels sind übrigens eine super Erfindung. Es ist wunderbar, mit dem Mietwagen direkt an sein Zimmer heranzufahren und nur vier Schritte mit dem Gepäck machen zu müssen. Vor allem, wenn man direkt am nächsten Tag weiter will.

Tag 2: Squamish – Cache Creek: 275 Kilometer

Motelromantik.

Roadtrip durch Kanada: Auto-Picknick mit Panorama

Wer auch immer die Straßen in British Columbia geplant hat, ist ein Genie. Die Strecken winden sich durch wunderschöne Landschaften und an den schönsten Stellen wurden Rastplätze eingerichtet, an denen man Kilometer weit sehen kann. Meist gibt es dazu noch informative Schilder zur Geschichte, Natur oder Geographie der Region. An solchen Orten haben wir morgens oft angehalten und unser Frühstück auf dem Armaturenbrett ausgebreitet. So auch an diesem Tag. Danach fuhren wir weiter nach Kamloops. Die 90.000-Einwohner-Stadt liegt inmitten sanft geschwungener Hügel und fungiert vor allem als Verkehrsknotenpunkt. Die Tour war nicht so lang und so hatten wir Zeit, uns ein leckeres Burgerrestaurant zu suchen und nach dem Essen zu entspannen.

Tag 3: Cache Creek – Kamloops: 85 Kilometer

Frühstückspanorama – eines von Vielen.

Road Trip durch Kanada: Grüne Spucke und VHS-Kassetten

In Kamloops gibt es einen sehr hübschen Zoo, den wir am nächsten Vormittag besuchten. Hier gibt es weiße Wölfe, stinkfaule Braunbären und einen einsamen Dachs. Vorsicht ist im Streichelzoo geboten. Das ist zumindest meine Meinung, denn eins der Lamas guckte mich kurz schief an und schon hatte ich einen Mund voll halbzerkauten Grünzeugs im Gesicht. Sonnenbrillen schützen! Frisch gereinigt ging es zurück on the Road und weiter senkrecht nach Norden. Hier wechseln sich spärlich bewaldete Hügel, Nadelwälder und Seen ab. Mehrere Schauer bescherten uns an diesem Tag eindrucksvolle Regenbögen.
Reiseroute durch Kanada

Wir hatten ausnahmsweise keine Unterkunft vorgebucht und fanden prompt kein Zimmer in unserem Zielort Clearwater. “kein Verlust” dachten wir und fuhren einfach weiter, bis wir das abgelegene Drei-Seelen-Kaff Avola erreichen. Eine Tankstelle und eine Rockerkneipe machen fast den gesamten Ort aus. Doch der Oberrocker hatte einen Bungalow frei und machte Burger. Alles prima. Den Abend verbrachten wir in unserer Mini-Hütte und schauten alte Filme auf einem VHS-Videorekorder. Hätte nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe.

Tag 4: Kamloops – Avola: 190 Kilometer

Roadtrip durch Kanada: Hinton ganz weit vorne

Am fünften Tag erreichten wir endlich die Rocky Mountains. Zur Feier des Tages setzte sich auch Janina erstmals für 100 Kilometer ans Steuer. Und dass ich hier sitzen und schreiben kann, zeigt: Sie machte ihre Sache nicht schlecht – trotz jahrelanger Fahrabstinenz und anfangs großer Ängstlichkeit. Immer wieder legten wir Stops für hübsche kleine Wanderungen zu Seen oder Wasserfällen ein. Auf dem Weg lag Jasper, der wohl bekannteste Urlaubsort in den Kanadischen Rockies. Unser Zielort lag etwas abgelegen hinter Jasper und hieß Hinton, was uns zu einem nicht enden wollenden Schwall dümmlicher Wortspiele verleitete. Der Vorteil: Dort hinton (haha) war weniger Verkehr und entsprechend mehr wilde Tiere zu sehen. Immer wenn sich eine Autotraube am Straßenrand fand, war der beobachtete Elch nicht weit. Der Nachteil: Minusgrade.

Tag 5: Avola – Hinton: 328 Kilometer

Der erste Frost unserer Weltreise. Am frühen Morgen im Auto.

Roadtrip durch Kanada: Highlights auf dem Icefields Parkway

Nach einem entspannten Tag in Hinton (wo wir erstmals Minusgrade erlebten) stand die Königsetappe unserer Tour an. Noch vor Jasper durchwanderten wir die wilde Schlucht des Maligne Canyon und staunten, wie ausgiebig stetes Wasser den Stein höhlen kann. Von Jasper nach Süden führt der Icefields Parkway, eine Straße, die von jeder Menge Reisebussen voller Chinesen befahren wird. Hier gibt es alle paar Kilometer einen grandiosen Stopp. Mehrere beeindruckende Wasserfälle sind vor lauter Touristen kaum begehbar. Unser Favorit waren die Sunwapta-Fälle. Sie sind ein wenig versteckter und kein Reiseleiter will sich wohl die Mühe machen, mit seinen Schäfchen durch den engen Canyon bergauf zu marschieren. So bricht wenigstens keiner die Eiszapfen ab.

Reiseroute durch Kanada: Athabasca Glacier

Der Athabasca Glacier befindet sich seit Jahren auf dem Rückzug

Danach erreicht man den Athabasca Glacier. Auf diesem gigantischen Gletscher kann der geneigte Massentourist per Schneeraupenbus ziemlich weit fahren und geführte Touren unternehmen. Wir sahen uns das Ganze von unten an. Ich war 1997 schon einmal mit meinen Eltern hier gewesen. Der Gletscher ist dank des Klimawandels leider nur noch ein Schatten seines damaligen Selbst. Nach weiteren 90 Kilometern erreichten wir den höchsten Punkt unseres Trips. Der Weg zum Bow Lake (1920 Meter hoch) war komplett vereist und viele verzweifelte Asiaten in Turnschuhen machten auf halben Weg kehrt. Wir schafften es sturzfrei und wurden mit einer grandiosen Aussicht in der Abenddämmerung belohnt. Schon im Dunkeln durchquerten wir dann die Stadt Banff am Ende des Icefields Parkway und bogen zum östlichsten Punkt unserer Route ab: einem Motel in Dead Man’s Flat. Der Ortsname sagt alles.

Tag 7: Hinton – Dead Man’s Flat: 397 Kilometer

Roadtrip durch Kanada: Bow Lake

Der Bow Lake ist rund 3,4 Quadratkilometer groß

Roadtrip durch Kanada: Lake Louise – Gewaltaufstieg zum Bienenstock

Nach einem Tag im hübschen Banff mit wunderbaren Spaziergängen und einem Besuch der heißen Quellen fuhren wir nach Lake Louise, unserer letzten Station in den Rocky Mountains. Dieser wunderschöne See ist Ausgangspunkt mehrerer Wanderungen. Wir wählten eine relativ anstrengende Tour zum höher gelegenen Lake Agnes und dem noch viel höher gelegenen Berg “The Beehive”. Der Rückweg führte uns am Ufer des Lake Louise zurück zum Auto. Direkt am See steht ein ehrwürdiges Hotel in allerbester Lage. Billigstes Zimmer an einem fiktiven Datum im April: 334 Euro die Nacht. Was ein guter Seeblick nicht alles ausmacht. Ziemlich erschöpft fuhren wir zu unserem Motel in einer Stadt mit dem wunderschönen Namen Golden. Nicht mal Bronze verdienen die dortigen Restaurants, denn sie hatten allesamt um 20:30 Uhr schon geschlossen.

Tag 9: Dead Man’s Flat – Golden: 150 Kilometer

Reiseroute durch Kanada

Blick auf den Lake Louise vom Beehive.

Roadtrip durch Kanada: Milchkühe und Crash-Rennen

Auch in Golden verbrachten wir einen Tag, um den gleichnamigen Herbst zu genießen. Dann ging es weiter nach Westen. In der Gegend gibt es zahlreiche Milchviehbetriebe, Molkereien, Bauernhöfe und Käseläden. An einigen davon machten wir Halt, um Ziegen zu knuddeln (Janina), Milchshakes zu schlürfen (ich) oder zig verschiedene Käsesorten zu probieren (beide). Im Städtchen Vernon verbrachten wir zwei Nächte. Den Zwischentag widmeten wir der Kultur: Kürbisfest auf einer örtlichen Farm und – mein absoluter Trash-Favorit – ein typisch kanadisches Demolition Derby. Dabei rammen sich alte Karren in einer Arena so lange, bis nur noch einer fahren kann. Großes Kino!

Tag 11: Golden – Vernon: 294 Kilometer

Roadtrip durch Kanada: Höfliche Obdachlose in Kelowna

Zwischen Vernon und unserem Tagesziel Merrit liegt Kelowna, eine dieser Städte mit ziemlich teuren Hotels. Daher ein Tagestrip. Nach einigen kleinen Wanderungen in der hügeligen Umgebung der Stadt, parkten wir direkt im Zentrum am Lake Okanagan. Der See ist 351 Quadratkilometer groß und angeblich soll hier das Seemonster Ogopogo leben. Wir sahen aber nur Tauben. Da das Klima in Kelowna sehr mild ist, kommen im Herbst viele Obdachlose aus dem Norden hierher, um zu überwintern. Das Stadtbild im Zentrum profitiert davon natürlich nicht. Doch wie alle Kanadier sind auch die Obdachlosen extrem höflich, viele haben uns beim Vorbeilaufen gegrüßt. An diesem Tag war Thanksgiving und Gruppen Einheimischer Teenager brachten den Menschen in den Straßen Pizza vorbei. Wir genossen ein Thanksgiving-Festmahl imn einem Burgerrestaurant. Dann fuhren wir im Dunkeln 132 Kilometer zu unserem Motel in Merrit.

Tag 13: Vernon – Merrit: 180 Kilometer

Rings um Kelowna gibt es hübsche Wanderungen mit Blick auf die Stadt.

Roadtrip durch Kanada: Klaffende Klüfte am Fraser River

Die vorletzte Etappe fuhr landschaftlich nochmal alles auf. Der Transcanada Highway führt hier durch den Fraser Canyon, der vom Fraser River in die Landschaft geschnitten wurde. Spektakulär ist das Hells Gate, eine Engstelle mit reißenden Strömungen. Überquert wird das Ganze von der steilsten Seilbahn Kanadas, die jedoch aufgrund der fortgeschrittenen Jahreszeit schon geschlossen war. Die Landschaft blieb ähnlich dramatisch und kurze Zeit später überraschte mich Janina mit einer Wanderung durch alte Eisenbahntunnel.

Die Othello Tunnels wurden im 19. Jahrhundert von einem Shakespeare-Fan gebaut und sollten Teil einer Bahnverbindung sein, deren Bau durch diese zerklüftete Gegend sich schließlich als zu anspruchsvoll herausstellte. Übrig bleibt ein sehr interessanter Tunnel-Spaziergang auf dem alten Gleisbett. Auf den letzten Kilometer nach Chilliwack beruhigte sich die Landschaft etwas, so dass auch wir uns langsam wieder entspannten.

Tag 13: Merrit – Chilliwack: 171 Kilometer

Roadtrip durch Kanada: Das Ende vom Lied

Am letzten Tag starteten wir sehr früh und fuhren im strömenden Regen zurück nach Vancouver, um den Mietwagen zurück zu geben. Die ganze Tour war unfassbar schön und doch freuten wir uns auf ein paar Wochen am selben Ort. Und das war kein Problem, denn wir wurden schon auf Vancouver Island erwartet: zum Wwoofen. Was wir dort alles erlebt haben, lest ihr hier.

Tag 14: Chilliwack – Vancouver: 100 Kilometer

Gesamtstrecke: 2220 Kilometer

*Ashley hatte uns vom Flughafen abgeholt und war damit der erste Kanadier, den wir außerhalb des Flughafens sahen. Damit, lieber Vati, ist deine Mission erfüllt.